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Claudia Roth: Erinnerung an Unrecht wachhalten

Als unser Buch von Karl Adolf Groß veröffentlicht wurde, hätten wir nie zu träumen gewagt, dass es tatsächlich eine Wirkung entfalten würde. Aber wir haben uns getäuscht, zum Glück! Am Karfreitag 2021 wurde an ihn auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau erinnert. Wegen Corona konnte der Gottesdienst nicht öffentlich stattfinden, aber die Versöhnungskirche Dachau hat einen schönen Film der Veranstaltung produziert und unser Kollege Matthias Slunitschek hat ihn für die Südwestpresse besprochen:

Karfreitag 1945 im Konzentrationslager Dachau. Mitten in der Predigt heulen die Sirenen auf. „Lichter aus!“, schreien Wachleute und räumen den Pfarrerblock.
Karl Adolf Groß hielt Szenen wie diese in seinem heimlich geführten Tagebuch fest. Über fünf Jahre saß der in Schwäbisch Hall geborene Theologe und Widerstandskämpfer in Haft.
Er hatte über eine halbe Millionen Kunstpostkarten verteilt. Sie beziehen subtil, aber eindeutig Stellung gegen den Nationalsozialismus. Eine Karte zeigt einen Spruch aus der Karfreitagspredigt 1936 von Martin Niemöller: „Das Kreuz steht da, weil Gott es dahingestellt hat in die Mitte zwischen ihn und uns, dies eine Kreuz und kein anderes, das wir uns auswählen könnten.“
Karfreitag 2021 in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Pfarrer Björn Mensing und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth stehen auf einem tristen Platz. Im Hintergrund sind die ehemaligen Wachtürme zu sehen. Hier stand einstmals Block 26, der Pfarrerblock. Pfarrer Mensing hält ein Bild von Karl Adolf Groß in Händen, die Grünen-Politikerin ein Bild ihres Weggefährten Rio Reiser.

Was den Haller Widerstandskämpfer mit dem Rocksänger verbindet? Beide konnten ihre sexuelle Identität nicht offen leben: Groß verlor seine Pfarrstelle, wurde schließlich wegen Homosexualität angeklagt, kam glücklicherweise mit einer Geldstrafe davon. Rio Reiser litt noch in den Siebzigerjahren darunter, dass Partner ihre Beziehung aus Scham und Angst nicht öffentlich machten.
Mit dem diesjährigen Karfreitagsgottesdienst setzt die Versöhnungskirche auf der KZ-Gedenkstätte ein starkes Zeichen – für Toleranz und sexuelle Diversität, gegen Diskriminierung und Vergessen. Das ist umso bemerkenswerter, als momentan in beiden christlichen Kirchen heftig über die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare diskutiert wird.
Pfarrer Mensing betont zu Beginn des Gottesdienstes, dass es nicht selbstverständlich sei, in einer Kirche an Groß und Reiser zu erinnern: „Die Kirche hat sich über Jahrhunderte wesentlich an der Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung insbesondere homosexueller Menschen beteiligt.“
Auch Claudia Roth nutzt den Gottesdienst für ein klares Statement. Sie setzt sich seit Jahren für die Rehabilitierung von Schwulen und Lesben ein – vor und nach 1945. Roth schäme sich dafür, dass Überlebende des Nazi-Terrors und Hinterbliebene so lange für die Anerkennung ihres Leids kämpfen mussten. Dass die Anerkennung viel zu spät komme, treffe besonders auf Menschen zu, die wegen ihrer sexuellen Identität verfolgt wurden. „Umso wichtiger ist es, dass heute im Gottesdienst an den Theologen und Publizisten Karl Adolf Groß erinnert wird, verfolgt weil er politischen Widerstand geleistet hat, verfolgt aber auch, weil er schwul war.“

Die Erinnerung an das Unrecht wachhalten, das ist die Aufgabe dieses Karfreitagsgottesdienstes. Damit rücken Pfarrer Björn Mensing und Claudia Roth den Schwäbisch Haller Karl Adolf Groß neu in den Blick – seine Leidensbiografie, aber auch sein Werk als Publizist und Zeitzeuge.
In seinen Aufzeichnungen und Erinnerungen, die unter dem Titel „Zweitausend Tage Dachau“ erschienen sind, erinnert sich Karl Adolf Groß immer wieder an seine Heimatstadt Schwäbisch Hall. So auch als polnische Gefangene nach der Befreiung des Konzentrationslagers im Mai 1945 ein Kreuz errichten.
„Das Christuskreuz, über Nacht ist es wie aus dem Boden gewachsen, ein Menetekel für die Ungläubigen … Das ist einer der bewegendsten Augenblicke meines Lebens, der sich würdig anreiht an die Feier des ersten Abendmahles in St. Michael, und das größte Lagererlebnis, größer als die Stunde der Befreiung! Wie weggeblasen ohne Spur das Hakenkreuz!“

Kurzfassung des Gottesdienstes zum Karfreitag auf YouTube:

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Mehr dazu:

Evangelisch.de Wie neu geboren!
Süddeutsche KZ-Gedenkstätte Dachau – Messe für homosexuelle KZ-Häftlinge

Fotos: Evangelische Versöhnungskirche Dachau