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Wolfskinder – Das Titelthema im aktuellen Rotary Magazin

So rührend und wichtig die Geschichte der ostpreußischen Kinder ist, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg nach Litauen gerettet haben, so unbekannt ist sie nach wie vor. Deswegen setzt sich auch Rotary Deutschland dafür ein, die deutsch-litauische Geschichte in den Fokus zu nehmen. Aus Anlass unseres Buches hat Wolfgang von Stetten das aktuelle Titelthema geschrieben. In nuce das, worum es auch in seinem neuen Buch geht:

In das vom Krieg fast unberührte Ostpreußen fielen 1945 die sowjetischen Eroberungstruppen wie eine todbringende Dampfwalze ein. Gauleiter Erich Koch hatte die Flucht in den Westen verboten. Jetzt wurden die Fluchtwilligen vom Hagel der Bomben, dem Beschuss der Tiefflieger und der vorrückenden Panzer überrollt. Angestachelt von den Worten des russischen Schriftstellers Ilja Ehrenburg „Tötet, tötet, tötet!“ nahmen die siegestrunkenen Soldaten grausame Rache an den Verbrechen der Deutschen in ihrem Heimatland. Zehntausende Opfer waren Frauen, Greise und Kinder. Von den Überlebenden 200.000 starben anschließend 100.000 durch systematisches Aushungern.

10.000 bis 15.000 Jugendliche, Kinder und Kleinkinder flohen unter Lebensgefahr nach Litauen. Ein Großteil überlebte, von Ort zu Ort ziehend und in den Wäldern übernachtend, durch die Barmherzigkeit der Litauer. Zwischen 1948 und 1951 wurden viele Tausend von den sowjetischen Truppen aufgegriffen und in die DDR abgeschoben. Mehrere Hundert versteckten sich oder waren bei litauischen Familien als billige Arbeitskräfte oder auch Adoptivkinder untergekommen. In Litauen war es verboten, „Nazikinder“ aufzunehmen, und so mussten sie mit litauischen Namen ihre deutsche Identität verleumden. Viele durften keine Schule besuchen und rutschten so, ihre deutsche Sprache vergessend, an das Ende der sozialen Skala.

Immerhin 150 Euro pro Monat

Erst 1990/1991 durften sie ihre deutsche Abstammung wieder öffentlich machen und schlossen sich zum Verein „Edelweiß“ zusammen. Nachdem sie über 40 Jahre länger den Krieg verloren hatten als andere, glaubten sie, von ihrem Vaterland Deutschland freudig aufgenommen zu werden. Doch die anfängliche Feststellung des Innenministers Rudolf Seiters, dass sie ihre deutsche Staatsbürgerschaft nicht verloren hätten, wurde von den „Betonjuristen“ des Innenministeriums mit fadenscheinigen Begründungen torpediert. Nach fünf Jahren wurden sie mit den Aussiedlern gleichgestellt, deren Familien vor Jahrhunderten Deutschland freiwillig verlassen hatten, und mussten Anträge auf Einbürgerung stellen. Welch ein Hohn für die inzwischen 50 bis 60 Jahre alten Betroffenen, die noch immer unter dem Trauma der Kindheit litten.

Die Mitglieder der Deutsch-Baltischen Parlamentariergruppe, deren Vorsitzender ich war, halfen so gut es ging. Der deutsche Staat lehnte eine finanzielle Unterstützung der ehemaligen Bettelkinder ab. So übernahmen wir Aufgaben des Staates. Die Spendenbereitschaft meines Rotary Clubs Bad Mergentheim brachte mich auf die Idee, sämtliche Rotary Clubs Deutschlands anzuschreiben. Wir suchten und fanden immer mehr ehemalige Wolfskinder, erst 100, bald 260. Wir begannen, ihnen monatlich 100 Litas (35 Euro) zu zahlen, und fanden weitere Paten aus dem Umkreis von Schloss Stetten über die Chaîne des Rôtisseurs, die Johanniter und die Rotarier. Innerhalb von vier Jahren konnten wir die Summe auf 150 Euro monatlich pro Wolfskind steigern. Insgesamt konnten so 1,4 Millionen Euro zwischen 2007 und 2020 ausbezahlt werden. Das sind für die heute noch Lebenden immerhin rund 20.000 Euro pro Person.

Wolfgang Freiherr von Stetten

Quelle: Rotary Magazin

Foto: © Sonya Winterberg