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Das große Buch über die zweitälteste Buchhandlung – Die große Osiander-Gala im Börsenblatt des deutschen Buchhandels

Fünf Jahrhunderte sind eine lange Zeit Punkt, zumal wenn es sich für um das Leben eines Unternehmens handelt, das durch alle Krisen und Herausforderungen hindurch Bestand hat. Vielleicht ist es für diese ganz spezielle Branche des Buchhandels ein noch viel größeres Wunder, das so alte Betriebe bis heute überlebt haben.

Während der Corona Zeit war die Bevorzugung des Buchhandels als Läden des täglichen Bedarfs, wie wir bei Molino finden, extrem wichtig. Stationäre Buchhandlungen braucht man nicht zum Überleben, aber sollte eine Buchhandlung wegen Geschäftsaufgabe schließen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass ein Nachfolger den Laden übernimmt. Ohne Buchhandlung stirbt kein Mensch, aber die Präsenz der wichtigsten kulturellen Errungenschaft – das gedruckte Wort. (Außerdem sind Buchhandlungen kleine geschmackvolle Inseln, ohne die es sich kaum lohnen würde, überhaupt einkaufen zu gehen …)

Die Osiandersche Buchhandlung, Deutschlands zweitälteste überhaupt, hat in den letzten Jahren einen starken Wachstumskurs hingelegt – bis hin zur umfassenden Kooperation mit Thalia. Unser Autor Günter Fetzer hat in den letzten beiden Jahren ein großes Buch über die Geschichte des Buchhandels im Allgemeinen und über die Geschichte der Osiandersche Buchhandlung im Speziellen verfasst.

Trotz der umfangreichen Sammlung im Archiv von Osiander war es ein herausforderndes Projekt, denn auch der Umfang von 300 Seiten zwingt einen, so vielen wegzulassen. In Fetzers Buch erfahren wir zum Beispiel, dass bei Osiander das epochale Werk „Das Leben Jesu“ von David Friedrich Strauß erschien, ein Buch, das die europäische Geistesgeschichte für immer verändert hat. Hier wird ein völlig neues Verfahren vorgeschlagen, wie man die biblische Biografie von Jesus zu lesen hat, nämlich in erster Linie als Mythos, dessen Überlieferung es kritisch zu betrachten gilt.

Während der Jubiläumsgala am 30. Oktober im Sparkassen Carré in Tübingen wurde das Buch vorgestellt und an die geladenen Gäste, darunter auch Autoren wie Rafik Schami oder der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, verteilt. Das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels schreibt über die Veranstaltung:

„Boris Palmer hob zunächst hervor, ‚dass bei Osiander in den letzten 25 Jahren so viel passiert ist, wie in den 400 Jahren zuvor‘. So sei die Anzahl der Filialen zwischen 2012 und 2020 von 25 auf 70 Läden angewachsen: ‚Ein unglaublicher Entwicklungssprung‘, sagte der Oberbürgermeister. ‚Wo immer ich hinkomme, Osiander ist schon da. Das ist wie Hase und Igel.‘ Osiander würde den Innenstadthandel in 50 baden-württembergischen Städten bereichern, das sei eine großartige Leistung. Ihm gefalle insbesondere der Fahrrad-Lieferservice in Tübingen, ‚bei dem die Chefs auch schon einmal selbst der körperlichen Ertüchtigung nachgehen‘. Solch innovative Ideen wie den umwelt- und CO2-freundlichen Lieferdienst habe Osiander schon lange vor der Fridays-for-Future-Bewegung gehabt. Der Händler habe zwar in letzter Zeit einige Rückschläge einstecken müssen, wie etwa den Hackerangriff auf den Webshop oder die Corona-bedingten Schließungen, zeige sich aber als ‚Stehaufmännchen‘ und sei davon überzeugt, die Firma weiter erfolgreich führen zu können. Palmer ist sich seinerseits sicher, dass sich der Buchhandel in den Städten weiter behaupten kann, selbst wenn es für andere Handelsbranchen schwieriger würde.

Was ist das für ein Unternehmen, für das Palmer diese lobenden Worte fand? Einen kurzen Ritt durch die Firmengeschichte unternahmen die drei Brüder Hermann-Arndt, Michael und Heinrich Riethmüller gemeinsam mit Torsten Casimir, Chefredakteur des Börsenblatts und Moderator des Abends. Schlaglichter waren natürlich das Gründungsjahr 1596, in dem Erhard Cellius, Professor der Poetik, eine Druckmaschine kaufte und in den Buchhandel einstieg. Weiter ging es mit dem Jahr 1659 und Johann Georg Cotta über das Jahr 1813 und Christian Friedrich Osiander bis hin zum Jahr 1920, als Richard Jordan (Großvater der drei Brüder Riethmüller) sowie sein Kompagnon Gustav Pezold das Unternehmen übernahmen. Nicht alles war rühmlich in dieser Zeit. ‚Leider haben Intellektuelle den Nationalsozialisten als Wegbereiter gedient‘, so Hermann-Arndt Riethmüller. Wer sich für die gesamte Unternehmensgeschichte interessiert, dem sei das gerade erschienene und fast 300 Seiten umfassende Werk ‚Osiander – 425 Jahre Buchhandel in Deutschland‘ von Günther Fetzer, Molino Verlag, ans Herz gelegt.“