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Historische Wiedergutmachung für einen vergessenen Widerstandskämpfer zwischen Schwäbisch Hall und Berlin – Die Tagebücher des Karl Adolf Groß

Besser spät als nie! Als der Schriftsteller Karl Adolf groß seine Erinnerungen an die 2000 Tage, die er im KZ Sachsenhausen und Dachau verbringen musste, veröffentlicht, interessiert es niemanden. Jedenfalls will sich niemand mit den menschlichen Abgründen, die hier sichtbar werden, auseinandersetzen. Aus Anlass des 75-jährigen Friedens haben wir seine Erinnerungen in einer ein bändigen Fassung neu aufgelegt.

Gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung und den Freilichtspielen Schwäbisch Hall ist es endlich gelungen, zum ersten Mal dieses Buch auf die Bühne zu bringen. Wichtig ist das auch deswegen, weil es nicht nur ein historisches Dokument ist, sondern auch ein literarisch wertvoller Text. Gelesen wurden Passagen von den Schauspielern Franz Burkhard, Martina Reichert und vom Intendanten Christian Doll.

Wir hatten alle Gänsehaut, so gespannt war die Stimmung im Neuen Globe. Über 100 Zuhörer hingen den Schauspielern an den Lippen. Die brillante Textauswahl wurde eingeführt mit einem kongenialen Vortrag von Wolfgang Schöllkopf, landeskirchlicher Beauftragte für Kirchengeschichte. Der Theologe stellte heraus, warum uns diese Texte, die Karl Adolf Groß aufgezeichnet hat, noch immer etwas angehen: Es geht hier nämlich um die allgemein menschlichen Abgründe. Groß hat nie einen Vorwurf erhoben – im Gegenteil, er schreibt: Er habe sehenden Auges das KZ in Kauf genommen. Als Reaktion auf die Inhaftierung von Martin Niemöller hatte er eine halbe Millionen Kunstpostkarten mit Sprüchen von Niemöller über ganz Deutschland verteilt und wurde dafür von der Gestapo verhaftet. Vielleicht war dies die größte Widerstandsaktionen publizistischer Art eines Einzelnen im sogenannten Dritten Reich.

Dass die Texte von Groß zu hören waren, dass er am geschichtsträchtigen Tag des 9. Novembers gelesen wurde, kommt nahezu einer historischen Wiedergutmachung gleich. Er selbst verlor aufgrund seiner Homosexualität seine Stelle als Pfarrer, zog verschuldet nach Berlin, um dort als Verleger und Autor zu leben. Im Südwesten ist er nahezu vergessen. Das könnte sich jetzt ändern.