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Kurt Oesterles Buch über Poesie, Freundschaft und das Schwaben des 19. Jahrhunderts

Unser Autor Kurt Oesterle erzählt in seinem Buch „Orplid“ die Geschichte von zwei Tübinger Studenten, die die erste Fantasy-Welt der deutschen Literaturgeschichte erfinden: Orplid. An der Person des Schriftstellers Ludwig Amandus Bauer zeigt er die ganz besonderen Zeitumstände des Biedermeiers zwischen bürgerlichem Einigeln und Pflichterfüllung, demokratischem Aufbruch und Ereiferung für eine bessere Zukunft. So wird sein Essay zu einem heimlichen Epochenporträt.

Doch wer war dieser Ludwig Amandus Bauer? Hier eine Leseprobe – der Anfang des großen Essays über Poesie, Freundschaft und das Schwaben des 19. Jahrhunderts:

Drei Namen bleiben unvergesslich im Gedächtnis haften, wenn man sich mit Ludwig Bauer befasst, ja, sie bezaubern geradezu: einmal sein zweiter Vorname Amandus, dann der märchenhafte Name seines Geburtsortes – Orendelsall –, nicht weit von Öhringen im Hohenlohischen gelegen, und schließlich der Name jenes phantastisch-utopischen Landes, das er mit seinem Freund, dem Dichter Eduard Mörike, erfunden hat und das längst zum festen Bestand poetischer Mythen in der deutschen Literatur gehört, nämlich Orplid.

Am 22. Mai 1846 ist Bauer gestorben, früh, im noch nicht vollendeten 43. Lebensjahr. Er war Pfarrer, Lehrer, Schriftsteller, Dichter, Musiker und passionierter Reisender gewesen, ein überaus typischer Vertreter des aufblühenden Bürgertums, der sich in seinen zahlreichen Disziplinen unermüdlich aufgerieben hatte und jetzt – so schnell wie unerwartet – verschieden war. Man begrub ihn auf dem Hoppenlaufriedhof seines letzten Wohn- und Wirkungsortes Stuttgart, der ihm ein großes Abschiedsgeleit gab. Bauer hinterließ Frau und drei erwachsene Kinder, darunter Tochter Hedwig, die mehrmals seine Reisebegleiterin gewesen war. In Nachrufen und sonstigen Bekundungen zu seinem Tod wird echte Trauer spürbar. Louis, wie seine engsten Vertrauten ihn riefen, war für die meisten wahrhaftig ein Amandus gewesen, ein Liebenswerter. Seinen im Evangelischen nicht allzu häufigen zweiten Vornamen verdankte er übrigens dem Vater, der in Orendelsall Pfarrer war und nach der Geburt des Sohnes ins dortige Taufbuch eintrug: „Amand – der guten Vorbedeutung wegen“. Ein Wunsch, der sich erfüllte!

Selbst hundert Jahre später scheint die Magie dieses Namens noch gewirkt zu haben, liest man doch bei einem nachgeborenen Chronisten, dass Ludwig Amandus Bauer „zu jenen bedeutenden Deutschen gehört, die weniger durch ihr Werk als durch ihre starke und reine Persönlichkeit wirken … “

Aber was ist mit Orplid, möchte man dazwischenrufen, jener südlichen Trauminsel, die einst als Kopfgeburt zweier hoch inspirierter Geisteszwillinge in Tübingen das Licht der Welt erblickte und der Bauer später immerhin zwei bis heute erhaltene Werke gewidmet hat? Berechtigen sie uns denn nicht, ihn auch als zumindest halbwegs bedeutenden Dichter wahrzunehmen? Oder muss der Orplid-Ruhm ganz und gar dem sicherlich größeren Mörike zugeschlagen werden? Solche Fragen sind vermutlich erst beantwortbar, wenn Orplid als Gesamtphänomen erkundet und beschrieben ist, das im Studentenalltag seinen Anfang nimmt, Wurzeln in verschiedenen Biographien, Charakteren und zum Teil tief einschneidenden Ereignissen hat, ebenso jedoch in den unruhigen, vielleicht sogar verstörten Zeiten nach 1820. Mitanderen Worten: Bevor Orplid zum geordneten Kunstwerk wird, ist es ein schwer zu entwirrendes soziales Phantasiegebilde von teils kollektiver, teils individueller Herkunft. Außerdem besitzt es eine Vorgeschichte, die nicht weniger spannend erscheint und darum auf keinen Fall vernachlässigt werden darf …